Digitalisierung der Kommunikation – zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Seit einiger Zeit scheint sich – nicht nur in der Kommunikation – alles um Digitalisierung zu drehen. Digitale Transformation und Industrie 4.0 sind große Hype-Themen, um die ich als Onlinerin scheinbar nicht herum komme. Immer häufiger fällt auch das Stichwort Web 4.0.

Ein praktisches Beispiel:

Ein Unternehmen der Elektrobranche möchte sich über ihre Webseite im Bereich Industrie 4.0 positionieren und sich (dem Trend im Wettbewerb entsprechend) als Lösungsanbieter zeigen. Bei einem genaueren Blick auf besagte Webseite wird jedoch deutlich, dass die momentan eher Web 1.0 ist. Soziale Medien kommen nicht zum Einsatz. Hinter verschlossenen Türen streiten sich verschiedene Abteilungen lieber um Kompetenzen Vorrechte, statt gemeinsam sinnvolle Inhalte zu erarbeiten. Die grundlegenden Anforderungen an moderne Kommunikation (2.0) – nämlich Stakeholderorientierung und Dialogbereitschaft – werden nicht umgesetzt. Und doch möchte man nach außen „4.0“ wirken.

In dieser Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit stecken nicht nur die Unternehmen, sondern auch wir Kommunikatorinnen. Wir verlassen die Uni, geprägt durch Social Media, sozialisiert mit dem  Internet und ausgebildet in dialogischer Onlinekommunikation, und treffen dann auf die Realität: Verlautbarungen schreiben statt auf den Mehrwert für die User achten; Stakeholder beschallen statt Dialoge führen; „mach mal irgendwas bei Facebook, die Konkurrenz macht das auch“ statt „wir haben eine Strategie für die für uns sinnvollen Kanäle entwickelt“. Ja, ich verstehe natürlich, dass wir am unteren Ende der Hierarchie einsteigen. Und auch, dass wir wenig „echte“ Erfahrung haben. Wir möchten niemandem den Job streitig machen oder andere schlecht dastehen lassen. Wir möchten nur den Job gut machen, für den wir ausgebildet wurden: Onlinekommunikation.

Aber dazu brauchen wir ein paar Freiheiten:

  • Lasst uns versagen. Wir sind nicht allwissend und können nicht voraussagen, ob das letzte Video ein viraler Hit wird oder der neueste Social Media Dienst „the next big thing“ oder sofort wieder verschwinden wird. Aber wir können es ausprobieren und daraus etwas lernen – nicht nur für uns, sondern für das gesamte Unternehmen. Darum gebt uns die Freiheit, dass auch mal was schief gehen darf.
  • Lasst uns mitreden. Gerade weil wir noch nicht so lange im Unternehmen sind, haben wir eine andere Sicht auf Dinge und sehen manchmal Verbesserungspotenziale, wo sie sonst keiner entdeckt. Damit stellen wir vielleicht auch mal althergebrachte Traditionen in Frage – aber möglicherweise ist es an der Zeit, sich zu verändern. Gebt uns die Freiheit, neue Ideen einzubringen und mit euch zu erörtern.
  • Lasst uns eigenständig arbeiten. Natürlich gehört eine Einarbeitungszeit im neuen Job dazu. Wir wollen euch und euer Unternehmen genau kennen lernen, denn nur so können wir es auch nach außen vertreten. Aber besonders im Dialog mit den Stakeholdern (z. B. in Social Media) müssen wir schnell und authentisch reagieren können. Also gebt uns die Freiheit, unsere eigene Arbeitsweise zu finden und nicht jeden Post vorher besprechen zu müssen.
  • Lasst uns netzwerken – auch im Unternehmen. Starre Hierarchien behindern den Informationsfluss und engen die Kreatvität ein. In Zeiten von Internet und Social Media sind wir es gewohnt, Informationen sofort zu finden und Ansprechpartner direkt zu kontaktieren. Das möchten wir auch im Unternehmen. Besonders in unserer Rolle als Content Produzenten müssen wir Informationen auf dem direktesten Weg bekommen. Wir finden interessante Stories dort, wo sie halt sind: in der Geschäftsführung oder bei Aushilfskräften. Gebt uns die Freiheit, mit jedem im Unternehmen sprechen zu dürfen, der dazu Lust hat.

Disese Liste ließe sich bestimmt noch fortführen (Vorschläge sind gerne willkommen). Natürlich sind das Extreme, die (zum Glück) nicht bei vielen Arbeitgebern so ausgeprägt sind. Aber wer sich mit offenen Augen umsieht, wird wohl ehrlicherweise feststellen, dass die Onlinekommunikation an vielen Stellen noch an im Unternehmen gemachte Grenzen stößt (was natürlich nicht nur für frischgebackene oder künftige Absolventen gilt, sondern für alle engagierte Onlinekommunikatorinnen). Manches wird sich nicht ändern lassen. Und viele andere Veränderungen brauchen Zeit. Doch sie müssen angestoßen werden. Dazu gehört natürlich auch, dass wir Onlinekommunikatorinnen diese Veränderungen einfordern, sie sinnvoll begründen und auch selbst daran mitarbeiten, unsere Arbeit ein bisschen perfekter zu machen. Also lasst uns loslegen mit der Zukunft!

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